Sonntag, 29. Juni 2014

Gastrezension - Die Buchwanderer von Britta Röder

Wunderschön!

„Seine Augen flogen über die bekannten Zeilen. In seinem Kopf verwandelten sie sich in den Klang fremder Stimmen, die desto deutlicher zu ihm sprachen, je tiefer er den Sinn des Gelesenen erfasste. Immer dichter wurde die Atmosphäre, die die Worte um ihn herum erschufen. Immer konkreter wuchs das Bild einer neuen Umgebung heran. Ein Luftzug streifte ihn. Hatte er in seiner Wohnung ein Fenster offengelassen? Plötzlich fühlte er sich beobachtet. Er spürte es ganz deutlich und hob überrascht den Kopf. Die Stimmen waren verklungen und er stand auf einem hell gepflasterten Platz inmitten einer fremden Stadt.“

Eigentlich hatte Ron sich Shakespeares „Romeo und Julia“ nur deshalb ausgeliehen, weil er hoffte, dass die schöne Unbekannte, der er in die Bibliothek gefolgt war, in diesem Buch einen Hinweis oder eine Botschaft für ihn versteckt hatte. Doch kaum hat er mit der Lektüre begonnen, findet er sich auch schon mitten in Verona wieder. Und während Romeo um Julia wirbt, trifft Ron in Rosalia genau die von ihm gesuchte schöne Unbekannte wieder.

Doch im festgelegten Handlungsgefüge eines Romans ist es nicht einfach, eine eigene Geschichte zu erleben. Die Suche nach dem ganz persönlichen Happy End wird Ron und Rosalia durch mehrere Werke der Weltliteratur führen: Von Shakespeares Verona über Puschkins Russland bis hin zu Cervantes‘ Don Quijote…

Welcher leidenschaftliche Leser ist noch nie in einem Buch „versunken“? Wer hat noch nie alles um sich herum vergessen, ist in Gedanken selbst Teil der Handlung geworden? Wer hat noch nie in der Öffentlichkeit für Aufsehen gesorgt, weil er – lesend in der S-Bahn sitzend – plötzlich laut losgelacht hat? Und wer hat bei einem Buch mit traurigem Inhalt noch nie zum Taschentuch greifen müssen?

Bei den Buchwanderern verschwimmen Realität und Fiktion, Ron muss sich manches Mal fragen, was denn nun für ihn die Wirklichkeit ist. Diese Geschichte habe ich mit großer Faszination und manchmal auch mit etwas Neid gelesen: So gerne hätte ich auch auf diesem Platz in Verona gestanden! Was soll ich sagen? Ich bin in dem Buch versunken!

Der Schreibstil ist wundervoll, jeder Satz fein formuliert. Manche Passagen waren so schön, dass ich sie mehrfach gelesen habe – und sie anschließend noch meinem Mann, meinem Sohn und meiner Tochter vorgelesen habe. Und zwar jedem einzeln ;-)

Wieviel Zauber in einem Satz liegen kann! Mir, der für gewöhnlich Liebesgeschichten nicht sehr reizvoll findet, ist an einer Stelle so das Herz aufgegangen, dass ich diese Passage hier kurz zitieren möchte:

„Ruckelnd beschrieb die Straßenbahn gerade eine unharmonische Kurve, als ein äußerst unsanfter Rempler ihn zurück in seine Realität stieß. Ein kantiger Rucksack hatte seine Schulter hart gestreift. Um Entschuldigung bittend drehte sich die junge Besitzerin des Rucksacks zu ihm um. Leuchtend grüne Augen trafen ihn schutzlos bis auf den tiefsten Grund seiner Seele. Smaragdaugen.
- Tut mir leid. – Ihre Stimme klang hell und klar.
- Nichts passiert -, antwortete er und sprach, ohne es zu wissen, die größte Lüge seines Lebens aus.“

Die größte Lüge seines Lebens. Wunderschön!

Britta Röder versteht es wirklich, die richtigen Worte zu finden. So gibt es neben reichlich phantastischen Schilderungen, romantischen Passagen und spannenden Momenten Abschnitte, in denen ich herzhaft lachen musste. Meine diesbezügliche Lieblingsstelle beginnt mit den Worten: „Sag mal, wie geht es eigentlich der alten Großtante Agathe…?“ Jeder, der das Buch schon gelesen hat, weiß, was nun kommt. Und allen anderen sage ich: Lest es nach!

Fazit: Ein wunderschönes Buch! Lesen - und darin versinken!

Hier geht es zur Leseprobe.

© Manu

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