Samstag, 9. August 2014

Gastrezension - Deutscher Meister von Stephanie Bart

Die Kerndisziplin der körperlichen Erziehung im staatspolitischen Sinne

„In den Augen des Ringrichters stritten Neid und Bewunderung um die Oberhand. Am Fuße des Rings gaben sich die Punktrichter Mühe, durch den fliegenden Trollmann hindurchzusehen, und blieben doch mit den Augen an seinem Körper hängen. Ärger und Wut ergriffen den Ersten Vorsitzenden des Verbands Deutscher Faustkämpfer: Affentheater! Unwürdig!! Am meisten schlauchte ihn, dass der Zigeuner das ganze Publikum für sich hatte. Warts nur ab. Nun war zwar amtlicherseits die Rassenfrage noch nichts zweifelsfrei geklärt, es konnte mithin noch nicht ausgeschlossen werden, dass Zigeuner nicht doch auch Arier waren, aber für solche wissenschaftlichen Feinsinnigkeiten fehlte dem Ersten Vorsitzenden nicht nur das Interesse, sondern auch die Zeit. Er glaubte, was er sehen wollte: Der Zigeuner war ja von der Farbe her so gut wie eins mit dem Neger.“

Berlin im Jahr 1933. Der Führer ist ein großer Anhänger des Boxsports. In seinem „Kampf“ hat er beschrieben, wie gut und wichtig besonders dieser Sport sei – die „gesamte männliche Jugend des Reichs musste Boxen lernen“. Zeitgleich laufen Säuberungsaktionen und auch beim Boxverband, der sich nun „Verband Deutscher Faustkämpfer“ nennt, werden sämtliche jüdischen Boxer, Manager, Trainer, Ringrichter usw. aus den Mitgliedslisten gestrichen. Dumm nur, dass davon auch der amtierende Deutsche Meister im Mittelgewicht betroffen ist, der in vier Tagen seinen Titel verteidigen sollte. Der populäre Kampfabend kann nicht abgesagt werden, aber es gibt nur einen Boxer, der in der Lage wäre, durch seinen Auftritt die Massen für das Nicht-Antreten des bisherigen Meisters zu entschädigen – Johann Wilhelm „Rukeli“ Trollmann. Doch auch mit Trollmann gibt es ein Problem, denn er ist Sinto.

Trollmann war ein hervorragender Boxer. Ein großes Talent, dessen Kampfstil mit dem Stil Muhammad Alis verglichen wird. Zudem war er beim Publikum sehr beliebt und galt als Sexsymbol. Doch obwohl er Deutscher war, machte es ihm seine Sinto-Abstammung unmöglich, den Ruhm und die Titel zu erlangen, die er in einer gerechten Welt vermutlich erzielt hätte. Regelmäßig wurde er boykottiert und zu Kämpfen nicht zugelassen. Kämpfte er, wurde geschoben und häufig zu seinen Lasten unrichtig bewertet. Dieses Buch erzählt die Geschichte seines ganz persönlichen Kampfes.

Obwohl er schon sehr früh Diskriminierung aufgrund seiner Abstammung erfahren musste, hat er sehr lange geglaubt, dass er, wenn er sich nur ordentlich benehmen und an die Regeln halten würde, irgendwann doch eine faire Chance bekäme. Er glaubte, dass er es ehrlich zum Meistertitel bringen könnte…

„Nun war Trollmann in seinem Refugium. Nirgendwo und nirgendwann sonst war er so sicher vor feindlichen Attacken wie während des Kämpfens im Ring. Hier war er unangreifbar, weil vor dem Leder alleine das zählt, was man konnte, und nicht irgendwelche Herkünfte oder Rassen.“

Der Leser ahnt natürlich gleich, dass Trollmann vergebens hoffte. Und so begleiten wir ihn ein Stück seines Wegs, erleben mit, wie er eigentlich haushoch einen Kampf um die Deutsche Meisterschaft gewann und trotzdem nicht den Titel bekam und wie man alles daransetzte, ihn – den Kämpfer – loszuwerden. Mit immer neuen Mitteln wurde er drangsaliert und schikaniert. Aber gleichgültig wie er sich bemühte und anpasste, er konnte es nie richtig machen…

„Es empörte den Ersten Vorsitzenden über die Maßen, dass der Zigeuner die Ernsthaftigkeit für sich reklamierte. Immerzu hatte er mit seinen theaterhaften Auftritten, mit seinen unorthodoxen Schlägen und seinem Herumgehopse im Ring die höheren, inneren Werte des Boxens verhöhnt, und Experten hatten ihm vorgeworfen, dass ihm zum wirklich guten Boxer die Ernsthaftigkeit fehlte: Nun hielt er sich nicht daran und war ernsthaft. Das war die zigeunerische Unbeständigkeit! Dieser hergelaufene Rotzlöffel hatte nicht das Recht, die Ernsthaftigkeit für sich zu reklamieren. Man konnte ihm nicht einmal an den Karren fahren, weil er die Unverschämtheit so brav und harmlos vortrug. … Und wenn der Zigeuner tatsächlich ernsthaft trainierte? Dem war ja bei seiner Unberechenbarkeit alles zuzutrauen, das war gefährlich, brandgefährlich war das…“

Dieses Buch hat reichlich Emotionen bei mir hervorgerufen. Hauptsächlich Wut, auf die fürchterlichen Ungerechtigkeiten, die hier beschrieben werden. Natürlich weiß ich wie jeder andere auch um die grausamen Schicksale unzähliger Menschen in der Nazizeit. Aber festgemacht an einer Person, an einem Einzelschicksal, werden diese Dinge besonders eindringlich.

Ein weiteres Gefühl war Erstaunen. Ich komme aus einer Familie, in der sogar die Oma früher mitten in der Nacht aufstand, um Muhammad Ali boxen zu sehen. Aber von Trollmann hatte ich nie zuvor gehört!

Das nächste Gefühl war Begeisterung. Der oben genannte Meisterschaftskampf wird detailliert beschrieben, Runde für Runde. Dabei erkannte ich ganz deutlich, wie toll er kämpfte, was für eine fabelhafte Beinarbeit, Beweglichkeit, Stärke, Kondition… er hatte. Die Beschreibung ist derart, dass ich wirklich das Gefühl hatte, am Ring zu stehen. Alles zu beobachten, Trollmann zu feiern, seinen Sieg zu bejubeln und dann zu erleben, wie der Kranz weggebracht wird…

… und ihm trotz des klaren Siegs der Meistertitel verweigert wird. Da war die Wut wieder da! Diese wurde zur Erschütterung, als mir klar wurde, worauf die Handlung hinausläuft. Gegen Ende konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Besonders der Schluss ist unglaublich! Ich werde hier keine weiteren Andeutungen machen, das muss man selber lesen.

So bleibt für mich die Erkenntnis, dass dieses Buch über einen Sinto-Boxer in der Nazizeit für mich ein klarer Favorit geworden ist. Ich habe noch nie zuvor ein Buch übers Boxen gelesen und dachte nicht, dass mich das so fesseln würde. Großer Irrtum! Ich habe mittrainiert, mitgeboxt, habe mitgekämpft, mitgehofft und mitgelitten. Und ich habe einen Boxer kennengelernt, der es wirklich verdient hat, nicht in Vergessenheit zu geraten.

Der Schreibstil gefiel mir sehr. Das Buch las sich flott und war gleichzeitig voller bitterböser Spitzen. Für mich gab es auch keinerlei Längen, allerdings könnte ich mir vorstellen, dass jemand, der so gar kein Interesse am Boxsport hat, auf einige Runden verzichten könnte. Wer sich aber zumindest gelegentlich mal einen Kampf ansieht und Interesse an Zeitgeschichte hat, der hat hier ein ganz tolles und berührendes Buch!

Wer mag, kann Johann Wilhelm Trollmann mal googeln. Ich hab’s gemacht und reichlich Interessantes gefunden. Beispielsweise, dass der Bund Deutscher Berufsboxer Ende 2003 den Meistergürtel symbolisch an seine noch lebenden Verwandten übergeben hat.

Im Jahr 1939 war Trollmann übrigens deutsch genug, um zur Wehrmacht eingezogen zu werden. Er kämpfte an der Ostfront, wurde 1942 entlassen und ins KZ deportiert, wo er 1944 starb.

© Manu 

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