Samstag, 30. August 2014

Gastrezension - Totenleuchten von Klara Nordin

Unter dem Nordlicht

„Der Weg auf den Berg war gut befahrbar. Die Samen räumten ihn den ganzen Winter über, weil sie dort oben im Wald ihre Rentiere an den Futterkrippen zufütterten. Margareta fuhr vorsichtig. Neben der Fahrbahn lag der Schnee fast einen Meter hoch. Eine falsche Bewegung, und sie würde feststecken und den ganzen Weg laufen müssen. Geschickt lenkte sie das schwere Fahrzeug, bis sie oben an der Wendeplatte angekommen war. Jetzt gab sie noch einmal richtig Gas. Zirka hundert Meter steil nach oben, dann war sie da. Polizeiinspektor Bengt Karlsson, ihr Kollege, stand im Türrahmen der roten Holzhütte, die bis vor einigen Jahren in der Sommersaison als Café gedient hatte. Margareta parkte den Motorschlitten nahe der alten Holzterrasse, deren Umrisse im Schnee nur zu erahnen waren. Bengt ging langsam auf sie zu. Er war blass und schien nach Worten zu suchen. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“ Bengt fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Der Junge wurde geschlachtet, geschlachtet wie ein Rentier.“  (S.44)

Nicht nur Bengt ist zutiefst erschüttert von diesem furchtbaren Fund. Alle Bewohner Jokkmokks, einer Kleinstadt nördlich des Polarkreises sind entsetzt! Gerade erst mussten sie einen jungen Mann beerdigen, der an seinem 19. Geburtstag einen tödlichen Unfall hatte. Und nun wurde einer seiner besten Freunde ermordet, ebenfalls an seinem Geburtstag. In dem Städtchen, in dem fast jeder jeden kennt, war der Junge allgemein beliebt. Wer könnte daher einen Grund haben, ihn zu töten? Und gibt es einen Zusammenhang mit dem tödlichen Unfall seines Freundes?
Hauptkommissarin Linda Lundin, die gerade ihre neue Stelle hoch im Norden angetreten hat, hat eine harte Nuss zu knacken...

Dieser Krimi hat mich total begeistert! Besonders gefiel mir, wie schön die Handlung in den kulturellen und landschaftlichen Rahmen Lapplands eingebettet ist. Die Autorin liebt ihre Wahlheimat - und das merkt man. Seit 6 Jahren lebt sie in Lappland, in genau dieser kleinen Stadt Jokkmokk. Im Buch ist es die Hauptkommissarin Linda, die sich an ein völlig neues Leben gewöhnen muss. Vermutlich wird es ihr in Kürze so ergehen wie der Autorin - sie wird sich in ihre neue Heimat verlieben. Aber noch steht sie vor diversen Problemen. Da ist natürlich zunächst mal die große Kälte, die ihr zu schaffen macht. Während bei -30° die Kinder fröhlich draußen spielen, stellt sie fest, dass ihre mitgebrachte Winterkleidung bei weitem nicht ausreichend ist. Für die Klärung des Mordfalls kann sie gerade mal auf 2 Mitarbeiter zurückgreifen und um zum Tatort zu gelangen, muss sie auf einen Motorschlitten umsteigen.

Es sind diese vielen kleinen Besonderheiten, die den Krimi zu einem ganz besonderen werden lassen. Viel erfährt der Leser auch über die Samen, ob es um deren Geschichte, Sprache, Mode, um ihre Ansichten oder um ihre Werte geht. Erstaunt las ich, wie tief all diese Dinge auch bei der jungen Generation verwurzelt sind.

Aber es ist kein Sachbuch und niemand muss befürchten, dass Spannung oder Ermittlungsarbeit zu kurz kommen. Das ist ganz und gar nicht der Fall. Es gibt diverse Verdächtige, immer mal wieder neue Wendungen und zum Schluss löst sich alles logisch auf.

Sympathische Charaktere gibt es ebenfalls mehrere. Und obwohl ich den Bewohnern Jokkmokks ihren Frieden gönnen würde, hoffe ich doch, dass Linda und ihre Mitarbeiter bald wieder Arbeit bekommen ;-)

Was mich im Moment aber am meisten bewegt, ist der heftige Wunsch, auch mal selbst in dieses Land zu reisen. Die Landschaftsbeschreibungen, die Berichte über Schlittenfahrten mit Husky-Antrieb, über samische Feste und Märkte und nicht zuletzt über die sagenhaften Polarlichter waren so intensiv geschrieben, dass ich am liebsten gleich meine Koffer gepackt hätte. Und wenn ich eines Tages losfahre, werde ich mich bemühen, nicht die gleichen Fehler zu machen, wie der typische Tourist, "erkennbar an der zu dünnen Kleidung und den eleganten Winterschuhen".

© Manu 

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