Freitag, 19. September 2014

Gastrezension - Constable & Toop von Gareth P. Jones

Lizenz zum Spuken

Das ist eine Kopie der Londoner Anwohner-Liste. In der rechten Spalte ist jedes Geisterhaus in London aufgelistet. In der linken steht der Bewohner und das Datum seiner Geistgeburt. Doris hat die andere Kopie. Sie müssen nach London und sie finden. … Antworten Sie nicht. Mrs. Pringle wird Sie mit allen Lizenzen und Erlaubnisscheinen ausstatten, die Sie brauchen. Viel Glück, Lackwood.“

London im Jahre 1884. Lapsewood hat sich an sein Dasein gewöhnt. Seit seinem Tod und seiner Geistgeburt geht er jeden Morgen ins Amt, um in der Abfertigungsabteilung neue Todesfälle zu bearbeiten. Der neue Auftrag, den er jetzt bekommen hat, wird ihn zurück in die Welt der Lebenden führen – für Lapsewood eine enorm stressige Angelegenheit. Was er dann aber entdeckt, lässt aus dem Stress ganz schnell einen Alptraum werden: Eine Gefahr, die die gesamte Geisterwelt bedrohen kann! Immer mehr Geister verschwinden spurlos und Geisterhäuser werden von einer unheimlichen Seuche befallen, die „Schwarze Fäule“ genannt wird. Eigenartigerweise scheint das Amt keinerlei Interesse zu haben, gegen diese Bedrohung anzugehen. Zum Glück findet Lapsewood noch Verbündete in seinem aussichtslos erscheinenden Kampf: Einen Geisterjungen namens Thanner und den 13jährigen Sam, der der Sohn eines Leichenbestatters ist und als „Sprechender“ die seltene Gabe besitzt, nicht nur als Lebender Geister sehen, sondern auch mit ihnen sprechen zu können…

In diesem Jugendbuch wird eine komplette neue Welt geschaffen, eine Welt von Geistgestalten, die überall um uns Lebende herum existiert. Diese Welt wird so detailliert beschrieben, dass ich gleich an Harry Potter erinnert wurde – nur, dass es sich hier nicht um Zauberer, sondern um Geister handelt. In diese Welt einzutauchen, machte mir großen Spaß. Ich las, wieso man nach seinem Tod zum Geist wird und was es mit der unsichtbaren Tür auf sich hat. Ich erfuhr, was Geister so mit ihrer Ewigkeit anfangen und wie überaus bürokratisch so ein Geisterdasein verwaltet wird. Ich lernte schüchterne Geister kennen und angeberische, faule und ehrgeizige, nette und bösartige. Wer denkt, dass so ein Geist einfach drauflos spuken kann, der irrt sich gewaltig…

„Ich habe eine Lizenz für seltene Sichtbarkeit, bis zu sechzig Prozent auf der Undurchsichtigkeits-Skala, entsprechend dem Regelwerk über das Spuken an öffentlichen Orten.“ „Was heißt’n das?“, fragte Tanner. „Es heißt, er taugt fürs Touristengeschäft“, antwortete Lapsewood.

Wie man an diesem Zitat schon merken kann, steckt auch eine Menge Ironie in der Geschichte. Das macht Spaß und ist allein schon sehr unterhaltsam – aber dieses Buch kann noch mehr: Es wird sehr spannend und stellenweise richtig, richtig schaurig. Ich würde daher empfehlen, die Altersempfehlung, die wohl bei 12 Jahren liegt, nicht zu unterschreiten. Das Cover ist meines Erachtens nach irreführend, denn es spricht sicher auch jüngere Kinder an. Meine 16jährige Tochter, die sich schon durch diverse Bücher von Stephen King gelesen hat, las dieses Buch auch und sie bestätigte mein Gefühl. Sie empfand vor allem das hier eingearbeitete Thema Exorzismus als unpassend für jüngere Kinder.

Eine weitere besondere Welt, die hier erschlossen wird, ist die von Sam, dem schon erwähnten 13jährigen Sohn eines Leichenbestatters. Als „Sprechender“ steht er in ständigem Kontakt mit Geistern und übernimmt (da er sehr gutmütig ist) häufig Botenfunktion für diese. Trauernden Angehörigen noch Nachrichten zu übermitteln oder noch nicht geregelte Erbschaftsangelegenheiten zu ordnen kann aber ganz schön nervenaufreibend sein, weswegen Sam seine Gabe nicht selten als Belastung empfindet…

Ein Klopfen war zu hören, ungleich jedem weltlichen Geräusch. Und doch war es eins, das Sam viele Male zuvor gehört hatte. Es war das Geräusch, das Geister vernahmen, bevor sie durch die Unsichtbare Tür traten. „Das ist für mich, nicht wahr?“, sagte Viola. Sam nickte. „Ich habe Angst.“ „Ja“, sagte Sam. Er hatte keine beruhigenden Worte für Viola Trump. Sie würde gleich durch eine Tür treten, die zu irgendetwas führte, was außerhalb von Sams Vorstellungskraft lag. Er erwartete keinen Dank und er erhielt auch keinen. Die Toten waren selten dankbar für seine Hilfe.

Sam ist ein wirklich sympathischer Junge und man fühlt richtig mit ihm mit. Noch weitere liebenswerte Charakter tauchen auf und die Geschichte ist – trotz der vielen Toten ;-) – sehr lebendig geschrieben. Die Kapitel sind kurz und die insgesamt 350 Seiten sollten auch von 12jährigen bewältigt werden können, die sich noch nicht an etwas dickere Bücher gewagt haben. Allerdings weiß ich nicht, ob sie schon die Ironie der Geisterverwaltung wahrnehmen werden. Und bei besonders sensiblen 12jährigen würde ich überlegen, vielleicht noch zwei Jahre mit der Lektüre zu warten oder sie zumindest dabei zu begleiten.

Als erwachsener Leser habe ich mich mit dem Buch an keiner Stelle gelangweilt, es war witzig, spannend und gruselig. Mich hat persönlich nur gestört, dass einige sehr nette Charaktere (oder Daseinsformen ;-) ein sehr unschönes Ende genommen haben. Natürlich weiß ich, dass nicht immer nur die Guten siegen, aber speziell bei diesem Buch hätte mich ein wenig mehr Happy End gefreut. Es ist ja nun auch wirklich kein Buch, das irgendeine Botschaft vermitteln oder sehr realistisch daherkommen will. Wobei – wer weiß das schon…?

Fazit: „Von Geistern empfohlen“ steht auf dem Cover, ich schließe mich da gerne an und zitiere den Geist von Edgar Allan Poe, der nach der Lektüre schrieb: „Constable & Toop ist ein Buch voller Leben und vollgepackt mit Tod. Alles in allem eine großartige makabre und amüsante Erzählung.“ Aber bitte nicht für jüngere Kinder!

© Manu

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