Sonntag, 16. November 2014

Gastrezension - Zwischen den Atemzügen von Britta Röder

Carpe Diem

„Wohin wollen Sie denn? Dr. Heim erwartet Sie jetzt“, verfolgte sie der Ruf der Sprechstundenhilfe durchs Treppenhaus. Die Stimme griff nach ihr, konnte sie aber nicht mehr fassen. Leokadia rannte schon die Treppe hinunter, übersprang am Ende jeder Etage die letzten Stufen, eilte durch die große Eingangshalle und hastete durch die gläserne Tür ins Freie.

Ein leichter Windhauch streifte sie und trug Vogelgezwitscher mit sich. Unbeschwert schwatzend teilten zwei Putzfrauen aus der Klinik ihre Frühstückspause auf der Bank neben dem Eingang. Gleichmäßig floss der Autoverkehr über die breite Straße vor dem Gebäude dahin. Überrascht und erleichtert zugleich erkannte Leokadia, wie unbeteiligt sich das Leben hier draußen zeigte. Alles war wie immer.“

Draußen war alles wie immer. Aber für Leokadia hatte sich alles geändert. Hals über Kopf springt sie in ein Auto und fährt los. Dabei überfährt sie beinahe Olli, der ebenfalls auf der Flucht ist. Er findet seinen Job „zum Kotzen“, was er gerade noch vor den Augen der Geschäftsführung und auf dem Schreibtisch seines Chefs zum Ausdruck gebracht hat. Kurzentschlossen fahren die beiden gemeinsam los. Was nun folgt, ist ein irrsinniger Roadtrip, der von Frankfurt am Main durch Frankreich und Spanien führt.

„Solange wir nur vorankommen, sind wir auf dem richtigen Weg.“

Sehr schnell wird deutlich: Wohin die beiden auch fliehen, der Tod ist ihnen immer auf den Fersen. Und bald daher auch die Polizei…

Es gibt ja so Bücher, da weiß man noch nicht so recht, was einen eigentlich erwartet. Dieses Buch war so eins für mich. Ich bin darauf aufmerksam geworden, weil mir das erste Buch der Autorin („Die Buchwanderer“) so gut gefallen hatte. Nun weiß ich, dieses Buch ist ganz anders, aber genauso toll :)

Das Ausgangsthema ist ja ein durchaus ernstes: Zwei Menschen, die vor ihrem Schicksal fliehen wollen. Im Kleinen dürfte diese Situation vielen bekannt vorkommen. Der Vorsorgetermin beim Arzt, für den man einfach zu viel um die Ohren hat, das unangenehme Gespräch mit dem Partner, für das sich einfach nicht der richtige Moment finden lässt… Dabei redet man sich ein, dass sich die Probleme in Luft auflösen, wenn man sie nur hinreichend ignoriert. Manchmal klappt das sogar, aber halt nicht immer.

Olli und Leokadia genießen zunächst ihren abenteuerlichen Trip, müssen aber bald erkennen, dass ihre Probleme nun mal nicht zu denen gehören, die sich in Luft auflösen.

Mmh, das klingt nach schwerem Stoff. Nach einem Buch, das einen beim Lesen womöglich so richtig schön runterziehen könnte. Keine Sorge, bei mir zumindest war das Gegenteil der Fall. Denn das Buch vermittelt eine wunderbare Botschaft: „Carpe diem“ – Genieße den Tag! Es macht Mut, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, die Gegenwart zu genießen und optimistisch nach vorne zu schauen. Und dabei ist der Anspruch sehr angenehm und unterhaltsam verpackt, so dass man nicht grübelnd vor dem Buch sitzt, sondern beim Lesen quasi „nebenher“ zu diesen Erkenntnissen gerät.

Olli und Leokadia werden förmlich von Katastrophen verfolgt. Da fliegen Tanklaster in die Luft und Züge entgleisen. Immer wieder lernen wir in kurzen Zwischenabschnitten Menschen kennen, die alle eins gemeinsam haben: Verpasste Chancen in ihrem Leben. In der Vielzahl, wie die Toten hier die Wege unserer Protagonisten pflastern, wirken sie natürlich irritierend. Aber ich glaube, wenige Einzelschicksale hätten mich betroffener gemacht, dem Roman etwas von seiner Leichtigkeit genommen. Durch die – wie ich annehme bewusste Überzeichnung – wirken die vielen Toten skurril. So verfolgte ich also die Wege von Olli und Leokadia und wartete im Grunde schon gespannt darauf, wen es wohl als nächstes erwischen würde ;-)

Im Fazit ergibt das einen wirklich schönen Roman, der sich mit Leichtigkeit und Humor einem durchaus ernsthaften Thema annimmt. Ich jedenfalls klappte das Buch am Ende hochzufrieden zu – diesen Seitling hatte ich auf jeden Fall schon mal genossen. Und jetzt versuche ich mal, das mit dem Rest des Tages genauso zu halten.

„Ich kann es nicht ertragen, dass jemand, der mir etwas bedeutet, sein Leben verschwendet“, setzte er an. „Kennst du diese Geschichte von Charles Dickens mit dem geizigen alten Ebenezer Scrooge? Drei Geister suchen ihn heim. Einer furchterregender als der andere. Aber bei Dickens gibt es ein Happy End, denn Scrooge kapiert nicht nur, dass er einen völlig falschen Lebensweg eingeschlagen hat, sondern auch, dass er daran etwas ändern kann. Solche Geister gibt es wirklich. Jedem begegnen sie irgendwann einmal. Es sind die Krisen, in die wir geraten. Schicksalsschläge, die unser Leben auf den Kopf stellen. Aber sie haben durchaus ihr Gutes. Sie lassen uns innehalten und das Bisherige überdenken. Es ist so verdammt wichtig, diese Chancen zu erkennen und etwas daraus zu machen.“ 

© Manu

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