Montag, 10. November 2014

Gastrezension - Mein Vater der Deserteur von René Freund

Die Reise

Mittwoch, 16. August (1944)

Ankunft in Paris am Gare de l’Est, von dort nach Gare du Nord zur Unterkunft. Wir besuchen Notre Dame, alles zu Fuß, da erstens Verkehrs- und zweitens Zahlungsmittel knapp sind. Auf der Frontleitstelle weiß man nicht mehr wie die Front verläuft, nur eines ist sicher, nämlich, dass unsere Einheit eingeschlossen ist. Unser »Transportführer«, ein Unteroffizier wie wir alle, nur hat er die Reisepapiere, fasst den heroischen Entschluss, auf einem LKW in den Kessel einzusickern.

Im Jahr 1944 wird der 18jährige Gerhard Freund zur Wehrmacht eingezogen und nach Paris geschickt, wo er die besetzte Stadt gegen die heranrückenden Alliierten verteidigen soll. Dem „heroischen Entschluss“ mag er nicht folgen und desertiert, gerät dann aber zunächst in die Fänge der Résistance und anschließend in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Mehr als 60 Jahre später findet sein Sohn René  Freund im Nachlass des Vaters dessen Kriegstagebuch, das er am Abreisetag Richtung Paris begonnen hatte zu schreiben. Bei der Lektüre erfährt er vieles, worüber der Vater nie gesprochen hat. Im Bemühen, dem Vater noch näher zu kommen, fährt er nach Paris. Und er spricht mit Zeitzeugen, beispielsweise dem Vater seines Ex-Schwagers, der ebenfalls im Jahr 1944 in Frankreich am Krieg teilnahm. Allerdings auf Seiten der Alliierten – denn er gehörte zu den Amerikanern, die am 6. Juni im Abschnitt Omaha in der Normandie landeten…

Wow, was für ein Buch! Ich lese ja ohnehin sehr gerne Zeitgeschichtliches, aber dieses Buch hatte für mich etwas ganz Besonderes.

Da war zunächst mal die Ausgangssituation: Ein Sohn findet das Kriegstagebuch seines Vaters und ergreift die Gelegenheit, mehr über ihn zu erfahren. Ich kann das sehr gut nachvollziehen! Es gibt ja Zeitzeugen, die über ihre Erlebnisse sprechen. Aber nicht wenige Menschen sind dazu überhaupt nicht in der Lage – ein aus Selbstschutz errichteter Verdrängungsmechanismus hält sie davon ab. Und auch wir tun uns oft schwer, aktiv auf die Älteren zuzugehen und Fragen zu stellen. Zumal wenn man befürchten muss, dabei Wunden aufzureißen. Ich kenne das. 

Das Tagebuch tat das, was ein Tagebuch soll: Es nahm ganz persönliche Eindrücke und Empfindungen des Schreibers auf. Als Leser ist man dadurch sehr viel näher am Geschehen, als es ein reiner Tatsachenbericht bieten könnte.

Der 18jährige Gerhard Freund hat sich bestimmt nicht vorgestellt, dass sein Tagebuch 70 Jahre später der Öffentlichkeit bekannt gemacht würde. Für ihn war es wohl nur ein Weg, seine Ängste zu verarbeiten. Ich habe selbst einen 18jährigen Sohn und ich weiß, wie verletzlich so ein junger Mann unter seiner oft coolen Schale ist.

Bemerkenswert ist, wie gut und ausführlich die Einträge geschrieben sind. Zudem findet sich im Schreibstil immer wieder eine herrliche Ironie, an anderen Stellen aber eine auffällige Nüchternheit. Für mich ein deutliches Zeichen dafür,  wie schwer die Situation für den jungen Mann war. Ein Beispiel: In einem Eintrag beschreibt er das Einladen von Verwundeten in einen Eisenbahnwaggon. Man sollte erwarten, detaillierte Beschreibungen von Verletzungen zu lesen. Aber weit gefehlt, der Abschnitt wirkt eher distanziert. Ich denke, anders zu schreiben, wäre ihm wohl kaum möglich gewesen, um in dieser Situation überhaupt weitermachen zu können.

„Den Rest der Nacht laden wir Verwundete ein, der Zug besteht nur aus Viehwagen mit Stroh und mitten unter den Stöhnenden sitzen Blitzmädchen, die man im letzten Augenblick noch evakuieren will. Als der Zug voll ist, werden die restlichen Verwundeten einfach auf dem Bahnsteig liegen gelassen und ich habe später erfahren, dass der ganze Zug nicht mehr abgefahren ist.“

Das Buch verbindet die persönlichen Schilderungen des jungen Gerhard Freunds mit denen seines Sohnes im Jahr 2010. René Freund las nicht nur das Kriegstagebuch seines Vaters, er suchte weitere Informationen, durchstöberte Archive und redete mit Zeitzeugen. Und er dachte nach – wie man in einer solchen Situation nachdenkt: Was hat er (der Vater) wohl empfunden, was hat er gedacht? Was hätte ich in einer Lage wie der seinen getan? Wie ist das überhaupt mit der Frage nach der Rechtfertigung eines Kriegs? Macht man es sich nicht zu einfach, wenn man sagt, dass man ein Kriegsgegner ist?

„Der Schriftsteller Doron Rabinovici erzählt mir bei einer Begegnung, er sei kein Pazifist, sei nie Pazifist gewesen. »Die Sätze „Nie wieder Krieg“ und „Nie wieder Auschwitz“ widersprechen einander«, sagt er. Das kann ich nur so stehen lassen.
Was wäre gewesen, wenn man die Welt Adolf Hitler und seinen Erben überlassen hätte? Man hätte das millionenfache  Morden geduldet. Toleriert. Gesagt: Macht nur weiter, wir finden das vielleicht nicht schön, aber wir lassen euch in Ruhe.“

Eins wurde mir schnell klar: Dieses Buch bietet reichlich Stoff zum Nachdenken. René Freund schrieb an einer Stelle:

„Auch diese Geschichte interessiert mich. Ich kann kaum einen Absatz schreiben, ohne auf irgendein Detail zu stoßen, das mich zu weiteren Nachforschungen anregt. Ich brauche viel länger für die Arbeit an diesem Buch, als ich vorgesehen hatte.“

Tja, und ich brauchte viel mehr Zeit zum Lesen, als ich angenommen hatte!

Wenn ich nicht gerade über das Gelesene nachdachte (und also weiterlas) nahm ich immer neue Informationen auf. Sowohl über den zweiten Weltkrieg als auch über die Familie des Autors. Dieses Buch ist ein wirklich persönliches Buch, er schreibt darin umfassend über seine Eltern, Großeltern und weitere Verwandte. Auch hierzu hat er wieder recherchiert, in Nachlässen gesucht, Ämter angeschrieben. Am Ende stehen mir viele Mitglieder der Familie deutlich vor Augen… Ich weiß ja nicht, wie es anderen Lesern geht, aber schreckliche Ereignisse machen mich häufig umso betroffener, wenn ich sie mit Namen und Gesichtern verbinden kann. Apropos Gesichter! Fotos fehlen auch nicht im Buch! Allerdings gibt es keine Schlachtenszenen, sondern größtenteils Familienfotos („1936, 1. Klasse Gymnasium“, „Gerhards kleine Schwestern Iduna und Gudrun“) und Aufnahmen vom Soldaten Gerhard Freund im Kreis seiner Kameraden.

Und dann gab es ja noch einen weiteren (im weitesten Sinne) Verwandten: Den Vater von René Freunds Ex-Schwager, einen Amerikaner. Private Frederick Giesbert landete am D-Day im Abschnitt Omaha. Er war damals 24 Jahre alt. Er überlebte, doch…

„Als Frederick 1945 als Held aus dem Krieg zurückkehrte, erkannte ihn seine Mutter nicht wieder. Aus ihrem sanften, fröhlichen Jungen war ein schweigsamer, zur Gewalttätigkeit neigender Mann geworden.“

Der „D-Day“ – ein weiteres großes Thema dieses Buchs. Auch hier begibt sich René Freund wieder auf die Reise. An den Originalschauplätzen, den bekannten Strandabschnitten in der Normandie, verbindet er erneut seine eigenen Gedanken mit Informationen. Für mich als Leserin bedeutete das, dass ich auch zu diesem Thema viele (teils vollkommen neue) Eindrücke bekam. Ein Beispiel: Die grausamen Szenen bei der Landung der Alliierten kennt wohl jeder. Aber dass es vor diesem Datum in der Normandie so viele Opfer durch Angriffe der Alliierten gegeben hatte, war mir nicht bewusst. Und ich finde den Gedanken absolut erschreckend, wie man solche Opfer billigend in Kauf nehmen konnte.

„1944 herrschte in der sanften Landschaft der Normandie Krieg. Tod und Zerstörung zogen über das Land. Vor der Landung am 6. Juni heulten fast Tag und Nacht die Luftschutzsirenen. Alliierte Verbände bombardierten die Küste und das Hinterland, um deutsche Stellungen zu zerstören. Präzision existiert in keinem Krieg. Das, was heute zynisch »Kollateralschaden« genannt wird, brachte die Bevölkerung der Normandie gegen die Alliierten auf. … So trugen vor allem die Zivilisten das Leid der Bombardements, die der Invasion vorangingen. Als die Landung begann, waren bereits 15.000 tote und 19.000 verletzte französische Zivilisten zu beklagen. Der britische Historiker Antony Beevor schreibt in seinem monomentalen Werk »D-Day – Die Schlacht um die Normandie«: »Es ist ein ernüchternder Gedanke, dass während des Krieges 70.000 französische Zivilisten von alliierter Hand sterben mussten, mehr als die Gesamtzahl der Briten, die die Deutschen mit ihren Bomben töteten.«“

Meine Güte, ich könnte mich dranhalten. Selten war meine Liste von Notizen, die ich mir während des Lesens mache, so lang. Die Fülle von Informationen zusammen mit den vielen Gedankengängen fasziniert mich. Ich glaube, über das Thema „Desertion“ habe ich noch nie so gründlich nachgedacht. Wie oft werden Deserteure als Feiglinge bezeichnet?

„Doch zum Desertieren gehörte Mut – nicht nur, sein Leben aufs Spiel zu setzen, sondern auch, sich dem militärischen Kodex der »Kameradschaft« zu entziehen. Der Mut, allein dazustehen.“

Eine in meinen Augen sehr zutreffende Aussage! Dazu gab es erneut Infos – beispielsweise zum Umgang des Staates mit Wehrmachtsdeserteuren. Damit tat und tut man sich auch heute noch teilweise schwer.

„Im Gegensatz zu anderen Soldaten oder SS-Mitgliedern, die »ihre Pflicht getan hatten«, rechnete der Staat den Deserteuren die Jahre bei der Wehrmacht nicht für die Rente an. Die Republik stellte sich also indirekt auf die Seite der NS-Behörden. … Auch in Deutschland tat man sich schwer mit der Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure. Im Jahr 2002 hob der Bundestag die NS-Urteile gegen Deserteure, Kriegsdienstverweigerer und »Wehrkraftzersetzer« auf. Ausgenommen von der Rehabilitierung wurden sogenannte »Kriegsverräter«, weil sie angeblich Zivilisten und Kameraden gefährdet hatten. Die Unterscheidung erwies sich bei näherem Hinsehen als künstlich und – schlimmer noch – verhaftet in der Diktion der NS-Justiz. Denn als Kriegsverrat galt auch eine pessimistische Einschätzung des Kriegsverlaufs, Kritik am Führer oder die Unterstützung von Juden. Erst im Jahr 2009 – 64 Jahre nach Kriegsende – beschloss der Bundestag auch eine Rehabilitierung der »Kriegsverräter«“

Wirklich viel Stoff! Aber das Schöne an diesem Buch ist, dass es sich – wie ich finde – auch Leser vornehmen können, die um das Genre „Sachbuch“ ansonsten einen Bogen machen. Denn die Auszüge aus dem Tagebuch ziehen sich durch das ganze Buch und ebenso die Stationen der Reise von René Freund. Und auch die Frage: „Was wurde nach dem Krieg aus Gerhard Freund?“ wird beantwortet.

Gerhard Freund bemühte sich zeitlebens, seinem Sohn seine Einstellung zum Krieg zu vermitteln. Ich denke, dieses Buch hätte ihm gefallen.

© Manu 

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