Montag, 26. Mai 2014

Gastrezension - Und im Wienerwald stehen noch immer die Bäume von Elisabeth Åsbrink

Unfassbar

19. August 1942
Mein Liebstes, Deine liebe Karte vom 11. ds. haben wir erhalten und freuen uns, dass Du gesund bist, was wir auch von uns sagen können. Von Tante Nuny haben wir noch immer keine Nachricht. Tante Grete wird Dir bald schreiben. Mizzi lässt Dich schön grüßen. Hörst Du etwas von Kurt Edlauer? Wo ist er jetzt? Liebster, wenn Du wieder mehr Zeit hast, so schreib. Du weißt ja, wie sehnsüchtig wir auf Deine Nachricht warten. 1000 Küsse, Deine Mutti.

Kein Wort darüber, was an diesem Tag geschah, was der Briefträger gebracht hatte, nichts über die Züge, die rund um die Uhr abgingen. Nichts über die alte Julie Böhm, die vor ihrem Koffer stand und packte. Sie wird ausgelassen, wird zu einem Schatten zwischen den Zeilen, damit Otto es nicht erfahren und Elise es nicht schreiben musste. Damit das, was geschah, beinahe nicht passierte, solange es ungesagt blieb.“

Am 1. Februar 1939 stieg der 13jährige Otto Ullmann in einen Zug, der ihn von seiner Heimatstadt Wien aus nach Schweden bringen sollte. Ihn und rund 100 weitere Kinder jüdischer Herkunft. Ihre Eltern hatten lange darum gekämpft, dass sie ausreisen durften. Hatten Formulare ausgefüllt, gewartet, gehofft. Und nun fuhren sie fort, auch der einzige Sohn von Josef und Elise Ullmann. Würden sie ihn wohl irgendwann, irgendwo, wiedersehen?

Aus der alten Heimatstadt heraus, in der sie nicht mehr erwünscht sind, die sie aber trotzdem nicht verlassen können, schreiben Josef und Elise Briefe an ihren Sohn. Briefe voller Hoffnung, Briefe, in denen es um ganz alltägliche Dinge geht und die fast so klingen, als wäre die Welt noch in Ordnung. In diesem Sachbuch sind Auszüge aus vielen dieser Briefe zu lesen. Nur aus denen, die an Otto adressiert waren. Von seinen Antworten ist keine einzige erhalten, denn Josef und Elise Ullmann starben 1944 in Auschwitz.

Zusätzlich zu den Briefen gibt es reichlich Fakten, Zeitungsberichte, Aktennotizen. Einige Fotos. Das ermöglicht uns auch, ohne Ottos Briefe zu kennen, sein Leben in Schweden zu verfolgen. Kann man sich vorstellen, wie sich ein 13jähriger fühlen muss, der seine Familie verlassen musste, einsam in einem fremden Land lebt und sehr schnell merkt, dass seine Eltern in seinen Briefen nichts von seinen Problemen und Ängsten lesen möchten, die nur lesen möchten, dass es ihrem Kind gut geht und es eine normale und fröhliche Kindheit und Jugend hat. Auch, wenn das nicht der Wahrheit entspricht.

Kann die Einsamkeit dazu geführt haben, dass ein jüdischer Junge und ein überzeugter Nazi gute Freunde werden konnten? Wie passt das zusammen? Auch umgekehrt, wie konnte ein junger Mann gleichzeitig Nazi sein und einen Juden seinen besten Freund nennen? Auch dieser interessanten Frage nähert sich das Buch, unter anderem in Auszügen von Interviews mit diesem Mann, diesem früheren Nazi. Der Ingvar Kamprad heißt und aus dem Ort Elmtaryd Agunnaryd kam. Ingvar Kamprad Elmtaryd Agunnaryd. IKEA.

Unfassbar. Diese ganze Geschichte, diese Berichte, diese Grausamkeiten. Das meiste davon hatte ich schon oft gehört, auch schon reichlich Bilder dazu gesehen, oder Filme. Und doch hat mich das Buch unheimlich mitgenommen. Wie aus dem anfänglich ganz normalen Leben der Familie Ullmann nach und nach jegliche Normalität verschwand, wie das Grauen immer mehr um sich griff, wie die Familie trotzdem versuchte, nach vorne zu schauen, die Hoffnung nicht zu verlieren.
Und dabei wusste ich doch die ganze Zeit, dass es keine Hoffnung gibt. Dass all das, was sich im Buch schon als furchtbar, grausam, unmenschlich und erschreckend darstellt, doch erst der Anfang ist.

Dazu kamen detaillierte Infos über die Rolle Schwedens während dieser Zeit. Was das betrifft, habe ich einiges Neues erfahren. Und auch hier war vieles dabei, das mich kopfschüttelnd zurückließ.

Kein Buch, das man nebenbei lesen kann. Kein Buch, nach dem man sich entspannt in sein Bett kuscheln kann. Aber ein sehr gutes Buch.

Wer sich für dieses Buch und für das Thema interessiert kann hier eine Leseprobe finden.

© Manu

1 Kommentar:

  1. Dieses Buch will ich auch unbedingt noch einmal Lesen. Danke Manu für diese tolle Rezension. Die macht sehr neugierig auf das Buch und die Geschichte die dieses Buch enthält.

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